Im 5. Gebot haben wir gesehen, dass es sich lohnt, keine Note zu geben, bevor der Lernprozess nicht abgeschlossen ist. Damit wollen wir die Schüler:innen ermutigen, Risiken einzugehen und sich vertieft mit dem Thema auseinanderzusetzen. Dies ist aber nicht das einzige Ziel von Guerilla Ungrading. Wir möchten unsere Leistungserhebungen so gestalten, dass die Schüler:innen auch zeigen können, was sie können und was sie gelernt haben. Dafür wollen wir eine Umgebung für Leistungsnachweise, die den Schüler*innen erlauben, ihre Ressourcen voll zu nutzen.
Dafür müssen wir ihnen genügend Zeit geben, um Stresssituationen zu vermeiden. Zudem können wir Wahlmöglichkeiten anbieten, bei denen sie selbst den Rahmen der Leistungserhebung mitgestalten können. Zum Beispiel durch das Auswählen von Themen oder Aufgabentypen. Aber auch die Art unserer Bewertung kann auf die Qualität der Texte der Schüler:innen einwirken. So muss ich auch nicht alle Dimensionen einer Arbeit bewerten, sondern kann Qualitätskriterien auswählen, bei denen die Schüler:innen ihren Lernfortschritt besser zeigen können. All diese Massnahmen tragen dazu bei, dass die Schüler:innen nicht nur bessere Noten haben, sondern die Möglichkeit erhalten, ihre Stärken auszuspielen.
Einige Lehrpersonen werden sich empören und eine Noteninflation herbeizitieren. Den gleichen Vorwurf kann man aber auch erheben, wenn eine Lehrperson einen ungenügenden Notenschnitt in der Klasse erhält. Ob hohe oder tiefe Noten, beide entspringen einem gezielten Design der Leistungserhebung und entsprechen nicht zwingend dem, was die Schüler:innen eigentlich können. Also, keine Angst vor hohen Noten, wenn wir überzeugt sind, dass diese den Lernfortschritt in einem positiven Sinne abbilden.
- Gib genügend Zeit
- Lass sie aus den Aufgaben wählen
- Lass sie die Themen wählen
- Lass sie aus dem Lernstoff ein Produkt erstellen
- Benote nur einzelne Aspekte der Leistung
- Lass bei einem Plagiat die Arbeit nochmals schreiben
Gib genügend Zeit
Zeitdruck ist dem Lernen selten dienlich. Wenn die Schüler:innen nur wenig Zeit zur Verfügung haben, um eine Aufgabe zu erledigen, lesen sie weniger genau und sind anfällig für Flüchtigkeitsfehler. Zeitdruck ist ein Nährboden für schlechte Noten. Darum geben wir genügend Zeit für die Erstellung von Arbeiten, ob das nun Prüfungen oder Projekte sind. Allzu viel Zeit und ungenaue Ziele sind ebenfalls zu vermeiden.
Bei Projekten können wir zudem die Deadlines für die Abgabe mit den Schüler:innen verhandeln. Ein Orientierungspunkt sind dabei unsere Korrekturzeitfenster. Wenn ich den Schüler:innen erkläre, dass ich zu einem bestimmten Zeitpunkt Zeit für die Korrektur habe, kann ich den Schüler:innen eine schnelle Korrektur zur Verfügung stellen. Dies ist für die Schüler:innen einleuchtend und gibt ihnen einen Spielraum, um gemeinsam den Zeitpunkt für die Abgabe festzulegen.
Wenn ich mit Klassen an Projekten arbeite, gibt es meistens einen Punkt, an dem wir die endgültige Deadline verhandeln. Oftmals bestimme ich zu Beginn des Projekts einen bestimmten Abgabezeitpunkt. Aber wenn wir merken, dass es knapp wird, oder dass eine spätere Abgabe für mich keinen Unterschied macht, biete ich oft die Möglichkeit einer Verschiebung. Das soll allerdings nicht heissen, dass die Schüler:innen abgeben können, wann sie wollen. Im Gegenteil. Dadurch, dass ich ihnen den Sinn der Deadline darlege, nämlich eine schnelle Korrektur, und ihnen einen Verhandlungsspielraum gebe, wirken diese ausgehandelten Deadlines fast verbindlicher. Nur in den seltensten Fällen erhalte ich verspätete Abgaben.
Lass sie aus den Aufgaben wählen
Bei Prüfungen können wir den Schüler:innen eine Auswahl von Aufgaben geben, aus denen sie auswählen können. Dies ermöglicht ihnen Schwerpunkte zu setzen und sich dort zu vertiefen, wo sie mehr liefern können. Das Ergebnis kann eine vertiefte Auseinandersetzung mit weniger Inhalten anstelle eines groben Überblicks über alle behandelten Themen sein. Wir können die Auswahl aber auch steuern, indem wir Einschränkungen geben (z.B. mindestens eine Grammatikübung und eine Vokabelaufgabe). Wichtig ist, dass die Schüler:innen nach eigenen Interessen und besonderem Können nach wählen können.
Lass sie die Themen wählen
Die individuelle Themenwahl eignet sich besonders gut bei Projektarbeiten, bei denen die Schüler:innen sich auf einen Themenschwerpunkt konzentrieren sollen. Wenn wir die Themenwahl den Schüler:innen übergeben, erhalten sie die Möglichkeit, sich mit grösserem Interesse und am besten auch mit selbst gewählten Schwerpunkten mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Die Erfahrung hat gezeigt, dass bei einer freien Themenwahl zum Teil ungewöhnliche und unerwartete Ergebnisse herauskommen. Diese sind in den meisten Fällen spannend zu lesen und verlangen den Schüler:innen ein grösseres Mass an Kreativität ab, um den gesetzten Rahmen der Aufgabe zu erfüllen. Nicht empfehlenswert ist es, eine Themenauswahl vorzugeben oder diese sogar unter den Schüler*innen auszulosen. Dies mag gerechter wirken, führt aber nicht zu besseren Ergebnissen.
Lass sie aus dem Lernstoff ein Produkt erstellen
Anders als bei einer Prüfung, bei der Wissens- und Transferaufgaben gestellt werden, erhalten die Schüler:innen bei der Erstellung eines Produkts gewisse Freiheiten. Sie können wie oben beschrieben Themen wählen, sich selbst Gedanken machen, wie sie nützliche Informationen aufbereiten und den Bezug zum Unterrichtsstoff herstellen. Diese Freiheiten ermöglichen ihnen, zu zeigen, was sie verstanden haben und wie sie Aspekte des Stoffes in ein eigenes Produkt einarbeiten.
Wenn man damit beginnt, alternative Prüfungsformate (meist Produkte) erstellen zu lassen, merkt man schnell, wie vielseitig die Möglichkeiten sind. Wichtig ist hierbei, dass die Schüler:innen gut begleitet werden. Bei der Erstellung von Produkten kommen zusätzliche fachübergreifende Kompetenzen zu tragen, die die Schüler:innen oft noch nicht beherrschen. So brauchen sie Anleitungen und Hilfestellungen bei der Erstellung. Für diese Art von projektbasierten Unterricht habe ich auch eine umfassende Anleitung erstellt.
Benote nur einzelne Aspekte der Leistung
Bei den meisten Leistungserhebungen müssen die Schüler:innen mehrere Kompetenzen unter Beweis stellen oder über verschiedene Themen Bescheid wissen. Bei der Gestaltung unserer Leistungserhebungen können wir überlegen, welche Kompetenzen oder Themengebiete wir als besonders wichtig erachten. Dies kann uns einen Fokus für unsere Bewertung geben und wir können uns bei der Umsetzung darauf beschränken.
Gleichzeitig können wir bei offenen oder projektbasierten Aufgaben ganz bewusst darauf verzichten, ein sehr breites Sortiment an Kompetenzen in die Notengebung mit einzubeziehen. Müssen wir bei einem Aufsatz zwingend die Struktur benoten? Wie wichtig ist der Ausdruck? Wenn wir nur einzelne zentrale Kompetenzen bewerten, geben wir den Schüler:innen die Möglichkeit, zu zeigen, was sie in diesen Kompetenzen können, und wir schärfen ihren Fokus auf das Wesentliche.
Lass bei einem Plagiat die Arbeit nochmals schreiben
Gefundene Plagiate sind ein klares Vergehen, das ich bisher gerne mit dem Prädikat “nicht erfüllt” und damit der Note 1 bewertet habe. Dies sollte einerseits abschrecken, aber ihnen auch die Dringlichkeit aufzeigen, gefundene Informationen im Netz korrekt zu deklarieren. In Zeiten von KI-Textgeneratoren ist der bewusste Umgang mit Quellen wichtiger denn je. Jedoch verfehlen Punktabzüge oder gar eine fixe ungenügende Note ihre Wirkung. Wir wollen, dass die Schüler:innen uns zeigen, was sie können. Wenn wir bei Plagiat Abzüge bei der Bewertung machen, verwehren wir ihnen diese Lernmöglichkeit.
Mittlerweile bin ich deshalb dazu übergegangen, bei Plagiat die Arbeit zur Überarbeitung zurückzugeben. Je nach Ausmass müssen die Schüler:innen den ganzen Auftrag nochmals zu einem anderen Thema durchführen. Ich gebe zu, dass hier durchaus eine Disziplinierung mitschwingt, aber sie wird nicht mittels einer Eins durchgesetzt, sondern mit einer zusätzlichen Chance zu lernen.
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© Lukas Pfeifer, 2025