Wenn Schüler:innen eine Leistungserhebung schreiben, generieren sie viele Informationen. Sie geben uns einen Einblick in ihren Wissensstand und die Tiefe ihres Verständnisses eines Themas. Sie demonstrieren, wie gut sie Methoden anwenden können und wie sie ihr Wissen auf ein konkretes Beispiel anwenden können. Sie zeigen uns aber auch auf, wo sie noch Missverständnissen unterliegen, wo sie noch Lücken in ihrem Verständnis eines Themas haben und welche Grenzen ihre Fähigkeiten noch aufweisen.
Als Lehrpersonen haben wir nun verschiedene Möglichkeiten, wie wir diese Informationen auswerten und für die weitere Lernentwicklung der Schüler:innen nutzen wollen. In den allermeisten Fällen werden wir nun das ausgelieferte Produkt (Antworten, Häkchen, Texte etc.) nach Defiziten untersuchen, diese Defizite nach einem Raster in Punkte umwandeln und diese Punkte dann in eine einzige Zahl münzen. Unser Endprodukt, also die gerundete Note, ist nach dieser Reduktion viel weniger aufschlussreich als die abgelieferte Arbeit der Schüler:innen. Auch ist diese Zahl unzuverlässig. Eine andere Lehrperson käme wohl auf eine andere Zahl.
Kurz gesagt, wir Lehrpersonen erzielen nur einen sehr beschränkten Gewinn aus der Erhebung dieser Zahlen. Wir können diese Zahlen in einer Tabelle notieren und ein Klassenranking erstellen (Stommel 2021). Nach mehreren Leistungserhebungen können wir einen Durchschnitt aus den gesammelten Zahlen errechnen und daraus eine neue Zahl erzeugen, die noch weniger Aufschluss über den Lernstand der Schüler:innen gibt. Je mehr solcher Zahlen wir nutzen, um einen Durchschnitt zu erhalten, desto ungenauer wird ihre Aussagekraft.
Bei nüchterner Betrachtung haben wir keinen zusätzlichen Nutzen durch mehr Noten. Im Gegenteil. Wenn wir uns auf das Lernen und die Gesundheit unserer Schüler:innen fokussieren wollen, sollten wir nur so viele Noten geben wie absolut nötig.
- Finde die gesetzliche Mindestanzahl von Noten heraus
- Mach Streichnoten
- Berechne nicht den Durchschnitt der Noten
- Mach Prüfungen, aber gib keine Noten
- Setze keine Note unter 3
Finde die gesetzliche Mindestanzahl von Noten heraus
Zuallererst müssen wir sichergehen, dass wir uns in einem juristisch legalen Rahmen bewegen. Stelle deshalb fest, wie hoch die Mindestanzahl von Noten an deiner Schule ist. Informiere dich bei den Reglementen deiner Schule oder konsultiere das Schulgesetz deiner Region, um ganz sicher zu sein, dass du den juristischen Rahmen kennst. Das kann auch helfen, mit gewissen Urban Legends rund um die Notengebung aufzuräumen, die ein falsches Bild der zu gebenden Noten geben.
In meiner Schule bin ich lange davon ausgegangen, dass ich pro Semester und Fach 4 Noten generieren muss. Nämlich die Anzahl der Lektionen plus 1. Gut, dass ich nach 15 Jahren doch mal den Gesetzestext konsultiert habe. Es stellte sich heraus, dass die einzige Anforderung an die Anzahl Noten ist, dass eine Note (Beurteilungsbeleg) weniger als 50% Anteil an der Gesamtnote haben muss. Sprich, ich muss rechtlich nicht mehr als 3 Noten pro Semester setzen.
Also informiere dich und halte dich an das Minimum.
Mach Streichnoten
Unser Lehrplan gibt uns eine grosse Vielfalt an Themen, Methoden und Kompetenzen vor, die wir in unserem Unterricht abdecken müssen. Oft sind wir versucht, zu all diesen Unterrichtsbereichen eine benotete Lernkontrolle durchzuführen. Wie sonst wissen wir, ob die Schüler:innen das Thema können und verstanden haben?
Wenn wir uns dafür entscheiden, zu jeder dieser Lernkontrolle auch eine Zahl festzuhalten, haben wir meistens mehr Noten als gesetzlich festgeschrieben. D.h. wir sind nicht gezwungen, alle diese Zahlen in eine Zeugnisnote zu übersetzen. Dies eröffnet uns eine Reihe von Möglichkeiten. Der einfachste Weg besteht darin, Streichnoten zu setzen, d.h. in den meisten Fällen wird die tiefste Leistung gestrichen. Je nachdem kann man aber auch die verschiedenen Leistungserhebungen differenzieren und eine Streichnote nur auf eine Auswahl an Leistungen im Semester anwenden.
Ich habe im Moment eine Englischklasse, in der ich zwar nur drei Noten setzen möchte, aber eine Vielzahl von Themen behandle. Die Schüler:innen sollen eine mündliche Prüfung machen und ein Essay schreiben. Dies möchte ich benoten (also ich möchte nicht, aber ich muss), da es sich dabei um Grundfähigkeiten in einer Fremdsprache handelt. Zudem muss ich aber auch noch zwei Grammatikthemen behandeln. Dies wird mir im Lehrplan vorgeschrieben. Bei beiden Themen möchte ich Leistungserhebungen durchführen, damit nicht ein Thema stärker gewichtet wird als das andere. Insgesamt habe ich nun also vier Themen, die ich bewerte. Fürs Zeugnis zähle ich jedoch nur drei. Deshalb werde ich die bessere der beiden Grammatiknoten zählen lassen.
Einige Lehrpersonen werden nun auf die Gefahr verweisen, dass die Schüler:innen in ein Gambling-Mindset verfallen und nach einer guten Note in der ersten Erhebung nichts mehr machen. Dies kann aber leicht umgangen werden, indem ich ihnen zwar die korrigierten Prüfungen zurückgebe, aber die Note nicht bekannt gebe, bevor die zweite Prüfung geschrieben wurde. Die Schüler:innen sind also gezwungen, bei beiden Prüfungen einen Einsatz zu leisten. Nach Absolvieren der beiden Prüfungen erhalten sie dann die Note der besseren Leistung.
Man könnte bei der Streichnote natürlich argumentieren, dass ich hier trotzdem mehr Noten generiere als nötig wären. Dem ist wohl so. Trotzdem nehme ich mit der Streichnote der Note einen Teil ihrer schädlichen Wirkung, so dass ich am Ende des Semesters so wenig zählende Noten habe wie möglich.
Berechne nicht den Durchschnitt der Noten
Manchmal scheuen wir davor zurück, erhobene Noten zu streichen, einerseits, weil wir es ungerecht finden oder weil wir einen grossen Aufwand für die Korrektur erbracht haben. Das muss aber nicht heissen, dass es nicht andere Wege gibt als die unhinterfragt und traditionell verwendete Berechnung des Durchschnitts. In seinem Buch “Grading for Equity” (2019) beschreibt Joe Feldman alternative mathematische Methoden zur Festlegung einer Semesternote.
Gehen wir davon aus, eine Schüler:in hat die Noten 3, 4.5, 5, 4, 4.5. Der Durchschnitt wäre dabei 4.2 und ergäbe eine 4 im Zeugnis.
- Anstatt einen Durchschnitt zu errechnen, kann auch der Modalwert einer Zahlenreihe genommen werden, also die Zahl, die mit der grössten Häufigkeit vorkommt. Im obigen Fallbeispiel würde im Zeugnis die Note 4.5 gesetzt, da sie am häufigsten vorkommt.
- Oder man nimmt den Median, den Zentralwert einer Zahlenreihe, und setzt diese repräsentative Zahl, um der Leistung der Schüler:in zu entsprechen. Auch in diesem Beispiel würde im Zeugnis eine 4.5 gesetzt. (Feldman 2018, S. 129ff).
Alle Methoden der Berechnung sind mathematisch korrekt. Welche Methode gerechter ist, ist ein andere Frage. Der Modal- und Medianwerte klammern die Höhenflüge und Abschiffer aus und beschreiben dafür die Tendenz der Leistung.
Mach Prüfungen, aber gib keine Noten
Eine weitere Möglichkeit, um die Anzahl von Noten zu verringern, besteht darin, nicht jede Leistungserhebung mit einer Ziffer zu versehen. Wenn der Zweck eines Assessments darin besteht, einen Einblick in den Lernstand der Schüler:innen zu erhalten, habe ich keinen Nutzen, wenn ich dafür eine Note gebe. Umgekehrt gedacht überlege ich mir lieber genau, welche Leistungserhebungen sich wirklich eignen, um sie mit einer Note zu versehen. Dabei kann ich berücksichtigen, welche Kompetenz die Schüler:innen demonstrieren sollen (Gebot 6).
Das bedeutet nicht, dass ich überhaupt nicht überprüfe, wo meine Schüler:innen stehen, sondern, dass ich diese Rückmeldungen nutze, um sie auf ihrem Lernweg zu begleiten.
Eine Note wird aber nicht nur mit der Leistungsüberprüfung der Schüler:innen in Verbindung gebracht, sondern mit dem erbrachten Korrekturaufwand der Lehrperson. Alle Beteiligten verdienen sich die Note mit ihrem geleisteten Einsatz. Umso mehr ist es nachvollziehbar, dass eine Lehrperson ungern einen Korrekturaufwand auf sich nimmt, ohne mit einer Note in der Excel-Tabelle belohnt zu werden. Aber auch hier gibt es Hilfestellungen, die Teile des Korrekturaufwands abnehmen können. So sind Quiz-Apps wie Quizlet, Kahoot und Forms ausgezeichnet dazu geeignet, Lerninhalte abzufragen, ohne dass die Lehrperson die Korrektur übernehmen muss.
Eine andere Angst vor solchen Low-Stakes-Assessments besteht darin, dass die Schüler:innen sich keine Mühe geben, wenn es keine Note gibt. Hier muss man aber einwenden, dass die Note bei weitem nicht die einzige Möglichkeit ist, um eine Verbindlichkeit herzustellen. Anstatt einer Note kann ich den Schüler:innen Mindestanforderungen kommunizieren, die bei einem Lerncheck erreicht werden müssen. Wer die Anforderungen nicht erfüllt, muss die Übungen nochmals absolvieren oder auf eine andere Weise Zeit und Aufwand investieren, bis die Anforderungen erreicht sind. Dies motiviert jene, die die Anforderungen erreichen können, unterstützt und entlastet jene, die noch Mühe haben.
Ein weiterer Vorteil solcher Low-Stakes-Erhebungen mit digitalen Tools besteht darin, dass die Schüler:innen unmittelbar eine Rückmeldung erhalten und, je nach Tool, ihren Test selbst korrigieren können. Dabei kommt der sogenannte Hypercorrection-Effekt zum Zug. Dieser besagt, dass wenn eine Schüler:in überzeugt war, eine Frage korrekt beantwortet zu haben und dann feststellt, dass sie falsch lag, die korrekte Antwort stärker in ihrem Langzeitgedächtnis behalten wird. (Wiliam 2015, S. 116)
Setze keine Note unter 3
Wenn wir benoten, haben wir (in der Schweiz) eine Skala von 1-6 zur Verfügung, wobei nur Ziffern ab 4 als genügend angesehen werden. Wir verwenden also mehr als die Hälfte der uns zur Verfügung stehenden Noten dafür, um unseren Schülern anzuzeigen, wie schlecht sie sind. Natürlich ist es sinnvoll, den Schüler:innen die Mindestanforderungen für genügende Leistungen aufzuzeigen, doch es gibt keine guten Gründe, das Scheitern der Schüler:innen so detailliert auszuweisen. Mit einem einfachen Kniff können wir diesem Umstand entgegenwirken. Wir vergeben einfach keine Note unter 3.
Mit einer Drei haben wir eine ungenügende Note in unserem Repertoire. Sie gibt unseren Schüler:innen an, dass sie die Mindestanforderungen (noch) nicht erreicht haben. Doch wir verhindern, dass wir das Ausmass dieses Scheiterns mit einer Zwei oder gar Eins ausweisen. Eine tiefere Note hilft den Schüler:innen nicht, ihr Lernen zu verbessern. Es schafft lediglich eine negative Motivation, die die Schüler:innen bei ihrem weiteren Lernweg behindern kann.
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© Lukas Pfeifer, 2025