Als meine Tochter einen Schwimmkurs absolvierte, war sie die Jüngste und Kleinste im Kurs. Oftmals stand ihr das Wasser wörtlich bis zum Hals. Doch davon hat sie sich nicht unterkriegen lassen, sondern sie hat jede Stunde gekämpft und es immer wieder versucht, obwohl es nicht einfach war. Am Schluss hat sie mit viel Aufwand den Pinguin geschafft und damit das gleiche Abzeichen bekommen wie grössere und bessere Schwimmer:innen in ihrem Kurs. Dieses Erleben von Kompetenz bildet auch die Grundlage des kompetenzbasierten Unterrichts. Anstatt einzelne Kompetenzen mit einer Note zu bewerten, und somit anhand einer willkürlichen Skala aufschlüsseln, wie gut oder schlecht jemand gewesen ist, wird hier lediglich erhoben, ob eine Kompetenz nachgewiesen ist oder eben noch nicht. Es gibt also nur Pass oder Fail.
Diese Bewertungsmethode unterscheidet sich markant vom traditionellen Notensystem. Denn bei einer Pass/Fail Bewertung wird eine Leistung nicht in einzelne Punkte unterteilt, die den Schüler:innen eine präzise Einschätzung des Leistungsstandes anhand einer Zahl erlaubt. Auch erhalten die Schüler:innen keine Punkte für Teilleistungen. Es gibt keine Trostpreise und auch keinen Bonus für hervorragende Leistungen. Es zählt einzig und alleine, ob ein vorgegebener Qualitätsanspruch erreicht wird. Und es ist dieser Fokus auf Qualität, der die Stärke von Pass/Fail ausmacht.
Im folgenden Beitrag zeige ich auf, welche Vorteile eine Pass/Fail-Bewertung mit sich bringen kann und wie in diesem System trotz fehlender Belohnungen eine Motivation zum Lernen entstehen kann. In einem weiteren Schritt gehe ich genauer darauf ein, was beim Einsatz von Pass/Fail beachtet werden muss, damit die Schüler:innen beim Zeigen von Kompetenzen wirklich hohe Qualität erreichen.
- Qualität und Motivation
- Wie kann Pass/Fail gelingen?
- Wir bewerten mit Pass/Fail
- Pass/Fail bei formativen Assessments
- Einzelnen Kompetenzen vs. Kompetenzbündel
- Fazit und Ausblick
Qualität und Motivation
Pass/Fail-Beurteilungen sind ein radikaler Schritt. Schüler:innen sind es gewohnt, dass sie, egal wie schlecht eine Arbeit auch ist, immer noch ein paar Punkte für ihre Versuche erhalten. Im gleichen Zuge werden alle guten Leistungen mit Punken belohnt. Erst wenn diese in eine Note verwandelt werden, erhält ihre Arbeit einen wirklichen Wert. Dieses Belohnungssystem führt dazu, dass in vielen Fällen die Jagd auf Punkte und hohe Noten wichtiger wird, als das Lernen selbst.
Mit einer Pass/Fail-Bewertung wird dieses System untergraben. Es werden weiterhin hohe Anforderungen an die Schüler:innen gestellt, doch diese werden nicht mehr in Punkte aufgeschlüsselt. Die Schüler:innen erhalten keine Belohnungen mehr für halbgare Versuche. Stattdessen wird klar definiert, welche Qualität von den Schüler:innen verlangt wird und diese ist nicht verhandelbar. Es zählt einzig und allein, ob eine Aufgabe vollständig und entlang den Vorgaben erfüllt wurde.
Dies wirkt sich auch auf das Lernverhalten der Schüler:innen aus. Anstatt zu überlegen, wie sie irgendwie genügend Punkte sammeln können, müssen sie sich nun ernsthaft mit einer Aufgabe auseinandersetzen und darüber nachdenken, wie sie die gestellten Anforderungen tatsächlich erfüllen können. So wird der Fokus weg von den Noten und hin auf die Erreichung einer hohen Qualität der Arbeiten gelegt. Dies erhöht die Motivation, die Anweisungen genau zu lesen und präzise und mit Ausdauer an der Aufgabe zu arbeiten.
Dieser Effekt wird noch verstärkt, wenn die Schüler:innen mehrere Versuche erhalten, um ihre Kompetenzen zu zeigen. Damit werden auch Kompetenzen mit hohen Anforderungen machbar, wenn sie das Gefühl haben, dass sie auf dem Weg zur Erfüllung der Kompetenz begleitet und unterstützt werden und nicht gleich beim ersten Versuch auf einer Note sitzen bleiben. Dies kann den Druck und Stress, der in einem traditionellen Notensystem besteht, erheblich reduzieren und die Schüler:innen zu grösserer Ausdauer und Risikobereitschaft motivieren.
Wie kann Pass/Fail gelingen?
Die Stärke von Pass/Fail zielt also darauf ab, dass die Schüler:innen motiviert werden, höhere Qualität in ihren Arbeiten zu erzielen und sich nicht mit halbherzigen Versuchen zufrieden zu geben. Um dieses anspruchsvolle Ziel zu erreichen, lohnt es sich, die folgenden Punkte eingehend zu berücksichtigen:
- Transparente Kriterien
- Hilfestellungen und Unterstützung
- Qualität und hohe Ansprüche
- Feedback und Redos
Pass/Fail kann nur gelingen, wenn wir eine sehr klare Vorstellung haben, wie Qualität einer Arbeit in einer bestimmten Lerneinheit aussieht. Diese können wir in unserem Kompetenzraster sichtbar machen, indem wir die Lerninhalte in Module unterteilen und die Kompetenzen klar ausformulieren und in nachvollziehbare Schwierigkeitsgrade unterteilen. Hierbei können klar formulierte Spielregeln behilflich sein, die den Schüler:innen gewisse Lernwege vorgeben und ihre Arbeit strukturieren.
Das Kompetenzraster bietet also die Orientierung, die sie brauchen, um sich selbständig durch die Lernumgebung zu bewegen. Damit sie aber auch wirklich bereit sind, sich auf die Pass/Fail Bewertung einzulassen, müssen sie das Gefühl erlangen, dass die gestellten Aufgaben auch wirklich bewältigen können. Hierbei hilft uns ein ausgeklügeltes Scaffolding, das den Schüler:innen Hilfestellungen zur Seite gibt. Dabei können einerseits Leitfragen eine inhaltliche Orientierung geben. Mit Methoden, Modellen und Checklisten erhalten die Schüler:innen zusätzliche Hinweise, wie sie diese Ziele erreichen können und wie eine hohe Qualität aussehen kann.
Nachdem wir nun einen klaren Rahmen für die Arbeit abgesteckt haben, können wir überlegen, welche Anforderungen wir für einen “Pass” formulieren. Hierbei benötigen wir eine klare Vorstellung der Qualität, die beim jeweiligen Thema erreicht werden muss. Die Anforderungen sollen so gewählt werden, dass sie einerseits unseren Qualitätsansprüchen gerecht werden, aber trotzdem für die Schüler:innen machbar bleiben. Kein leichter Balanceakt.
Die letzte Voraussetzung für das Gelingen einer Pass/Fail Bewertung besteht darin, den Schüler:innen regelmässig Rückmeldungen über ihren Fortschritt zu geben. Auch hier haben wir im kompetenzbasierten Unterricht einen natürlichen Vorteil, da mehrere Versuche in der Form von Redos schon ein inhärenter Teil der Lernumgebung sind. Schüler:innen erhalten von Anfang an die Möglichkeit, eine Kompetenz mehrmals unter Beweis zu stellen. Dies ermöglicht es mir, ihren aktuellen Stand einzuschätzen und Rückmeldungen für den weiteren Lernweg zu geben. Nur mit diesem Feedback, kann ein Pass/Fail Ansatz seine volle Wirkung entfalten
Wie wir sehen, funktioniert Pass/Fail dann am Besten, wenn es in ein klar strukturiertes System mit Zielen , vorgegebenen Wegen und gezielten Hilfestellungen eingebettet ist. Im Folgenden zeige ich nun genauer auf, wie Pass/Fail für die Bewertung einer Lerneinheit oder gar eines ganzen Semesters eingesetzt werden kann.
Wir bewerten mit Pass/Fail
Wenn wir nun eine Pass/Fail-Bewertung im kompetenzorientierten Unterricht einsetzen, können wir jedes Mal, wenn wir in einem Assessment einen Einblick in den Lernstand erhalten, erheben, ob dieser die gestellten Qualitätsanforderungen erfüllt. Dann wird eine binäre Entscheidung getroffen. Bei einem Pass wurden die Anforderungen erreicht und die Kompetenz gilt als nachgewiesen. Bei einem Fail muss nochmals über die Bücher gegangen werden und weiter an der jeweiligen Kompetenz gearbeitet werden. Denn mit der Möglichkeit eines Redos, wird die Pass/Fail-Bewertung ein Werkzeug, das sich sowohl für formative wie auch summative Assessments eignet.
Das Prinzip von Pass/Fail eignet sich aber nicht nur bei Assessments von einzelnen Kompetenzen. Es kann auch verwendet werden, um mithilfe von Kompetenzbündeln ganze Kurse oder Semester mit diesem Prinzip zu bewerten.
Pass/Fail bei formativen Assessments
Der Einsatz von Pass/Fail ermöglicht es uns, den Lernprozess der Schüler:innen zu begleiten. Anstatt eine gezeigt Leistung mit einer Note zu versehen und damit den Lernprozess zu beenden, kann ich mit einem “Marker” angeben, ob die Leistung erreicht wurde, oder ob eine Überarbeitung notwendig ist. Statt „3.25” lautet die Rückmeldung “noch nicht erreicht”. Zudem können die Schüler:innen Rückmeldungen erhalten, die sich mit der Qualität der gezeigten Leistung beziehen. In Lerngesprächen können wir sie auf Themenbereiche hinweisen, an denen sie noch arbeiten sollen oder wir können ihnen nach einem Quiz anhand der falschen Antworten eine Rückmeldung auf den aktuellen Lernstand geben. Diese Vorgehensweise wirkt sich auf die Arbeitshaltung aus: Anstatt zu überlegen, wie sie noch 0.75 Punkte herausholen, müssen sie bedenken, wie die definierten Qualitätsmerkmale erreicht werden können.
Einzelnen Kompetenzen vs. Kompetenzbündel
Wenn die Schüler:innen eine Kompetenz nachweisen, haben wir die Möglichkeit, diese anhand einer Pass/Fail Bewertung summativ einzuschätzen. Wir entscheiden dabei, ob die gesteckten Anforderungen erreicht wurden. Bei einem erfolgreichen Nachweis kann die Kompetenz nun an die Note angerechnet werden.
Das Prinzip einer Pass/Fail Bewertung kann aber auch für die Bewertung von ganzen Lerneinheiten oder Kursen genutzt werden. Wie bereits im Beitrag zu Noten und Qualität dargelegt, müssen nicht zwingend alle einzelnen Kompetenzen zu einer Note verrechnet werden. Stattdessen werden mehrere Kompetenzen in einem Bündel zusammengefasst und einem Notenpunkt gleichgesetzt. Nur wenn alle diese Kompetenzen erfolgreich erfüllt worden sind, erhalten die Schüler:innen den Notenpunkt. Diese Kompetenzbündel können unterschiedliche Formen annehmen. So können zum Beispiel die Wissenskompetenzen in einer Lerneinheit zu einem Bündel zusammengefasst werden. Nur wenn alle vorgegebenen Wissenskompetenzen erfolgreich gezeigt werden, wird die Note 4 erreicht. Auch Projektkompetenzen können wir bündeln, sofern wir diese in Teilkompetenzen unterteilt haben.
Fazit und Ausblick
Pass/Fail ist mehr als eine alternative Bewertungsmethode – es ist ein Paradigmenwechsel, der das Lernen und Lehren grundlegend verändert. Indem wir die Leistung der Schüler:innen nicht mehr in einzelne Punkte zerlegen, sondern sie an klar definierten Qualitätsanforderungen messen, rücken wir den Fokus weg von Noten und hin zu nachhaltigem, tiefgehendem Lernen. Denn wenn Kompetenzen nicht mehr bewertet, sondern nachgewiesen werden, gibt das den Schüler:innen die Chance, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Qualität ihrer Arbeit.
Pass/Fail funktioniert aber nur, wenn es in ein kohärentes System eingebunden ist, in dem Qualität klar definiert wird und mit Hilfestellungen ausgestattet ist, die das Hinarbeiten auf eine “Pass” ermöglichen. In weiteren Beiträgen zeige ich, wie mit Kompetenzraster eine transparente Orientierung über die Lernumgebung gegeben werden kann. Scaffolding unterstützt die Schüler:innen mit Leitfragen und Checklisten, und Spielregeln schaffen Verbindlichkeit durch Redos und mehrfache Versuche. Gemeinsam ermöglichen diese Elemente eine lernfördernde Umgebung, in der Schüler:innen gezielt, selbstbewusst und nachhaltig ihre Kompetenzen entwickeln können.
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© Lukas Pfeifer, 2025