Als Lehrpersonen geben wir unseren Schüler:innen ständig Feedback. Seien dies Korrekturen in Form von Anstreichungen, die wir auf Prüfungspapieren hinterlassen, Kommentare, die den Schüler:innen angeben, was Sie besser hätten machen sollen oder mündliches Feedback im Unterricht. Feedback ist unser Kerngeschäft aber auch ein riesiger Zeitfresser.
Der emeritierte Professor Dylan Wiliam hat anhand der Löhne ausgerechnet, dass in England jährlich etwa 2.5 Milliarden Pfund für Korrekturen und Feedback ausgegeben werden (Wiliam in: Hendrick & Macpherson 2017, S. 33). Sein Rückschluss ist klar: unsere Zeit als Lehrperson ist extrem wertvoll. Wenn wir unsere Zeit effizient nutzen wollen, müssen wir versuchen, unsere Korrektur- und Feedbackzeiten so niedrig wie möglich zu halten. Jede Stunde, die wir statt für Korrekturen in unseren Unterricht investieren, ist ein Gewinn für das Lernen unserer Schüler:innen.
- Wann ist Feedback zielführend?
- Wie kann ich meinen Korrektur- und Feedback-Aufwand so niedrig wie möglich halten?
- 25% Genaue Korrektur mit Feedback
- 25% Überfliegen und Klassenfeedback
- 25% Selbstevaluation
- 25% Peer-Feedback
- Literatur
Es stellen sich also zwei Fragen, wenn wir unsere Feedback-Praxis effizienter gestalten wollen:
Wann ist Feedback zielführend?
Hier wird ein grösseres Thema eröffnet, das wir nur an der Oberfläche streifen können. Wir können uns aber nach einem Grundsatz von Wiliam richten, der unser Handeln leiten kann: «Gib nur Feedback, wenn die Schüler:innen es auch umsetzen können» (Wiliam & Leahy 2015, S.167). So simpel dieser Ratschlag scheint, umso einschneidender ist seine Wirkung, wenn man ihn konsequent befolgen möchte. Der Umkehrschluss heisst nämlich: «Gib keine Note zusammen mit Feedback». Mit der Vergabe der Note ist der Lernprozess für die Schüler:innen abgeschlossen. Jetzt kann nichts mehr geändert oder verbessert werden. Jedes Feedback, das ich zusammen mit der Note vergebe, hat also nur einen Zweck: meine Bewertung zu rechtfertigen. Dies kann durchaus sinnvoll sein, wenn ich mühsame Diskussionen um die Note vermeiden will. Den Schüler:innen nützt es jedoch nur sehr wenig für ihren Lernprozess.
Wie kann ich meinen Korrektur- und Feedback-Aufwand so niedrig wie möglich halten?
Die zweite Frage ist zwar mit der ersten verknüpft, doch steht hier die Effizienz unserer Arbeit im Vordergrund. Das Ziel besteht also nicht primär darin, dass die Schüler:innen weniger oder schlechteres Feedback erhalten, sondern, dass wir als Lehrpersonen in diesem Prozess entlastet werden. Wiliam hat dafür ein System entwickelt, das er «Four Quarters Marking» nennt (Wiliam & Leahy 2015, S.166). Er schlägt vor, dass Lehrpersonen nicht mehr als 25% der Schüler:innenarbeit im Detail korrigieren und mit individuellem Feedback versehen. Die vier Viertel setzen folgendermassen zusammen:
- Ein Viertel der Arbeiten wird genau gelesen und mit Feedback versehen.
- Ein Viertel wird überflogen und mit einem Klassenfeedback (Zusammenfassung verbreiteter Probleme, Wiederholungen etc.) thematisiert, entweder schriftlich oder mündlich mit der Klasse.
- Ein Viertel soll von den Schüler:innen selbst korrigiert werden. (Z.B. anhand von Checklisten)
- Und ein Viertel wird mit Peer-Feedback versehen, bei dem die Schüler:innen ihre Arbeiten gegenseitig lesen und kommentieren.
Wenn man diese Empfehlungen ernst nimmt, werden wir nicht nur in unserer Arbeit entlastet, auf lange Zeit werden die Schüler:innen mehr Verantwortung für ihr Lernen übernehmen.
Ich habe im laufenden Schuljahr begonnen, mich in meiner Korrektur Praxis nach diesem System zu richten und musste feststellen, dass es leichter gesagt ist als getan. Hier ein Einblick in meine Umsetzung dieser vier Viertel des Korrigierens.
25% Genaue Korrektur mit Feedback
Diese obige Erkenntnis stellt mich schon mal vor ein Problem: Wann soll ich denn Feedback geben, wenn nicht zusammen mit der Note? Dies beinhaltet ja nicht nur verbales Feedback, sondern auch jede Form von Anstreichungen und Markierungen, die ich hinterlasse. Wenn ich nur einen Viertel der Arbeiten wirklich genau untersuchen und mit Feedback versehen soll, muss ich mir sehr genau überlegen, wann ich diesen Aufwand wirklich auf mich nehmen will. Schliesslich möchte ich, dass meine Schüler:innen mein Feedback auch wirklich umsetzen und nicht nur zur Kenntnis nehmen.
Ich muss mir also genau überlegen, welches Setting Sinn macht. Eine gängige Prüfung eignet sich schlecht dafür. Nach der Korrektur und der Vergabe der Note gibt es für die Schüler:innen ja keine Möglichkeit, eine Überarbeitung vorzunehmen.
Die Lösung, die ich gefunden habe, ist die Arbeit mit Entwürfen. Dies funktioniert am besten, wenn die Schüler:innen in einem Projekt-Setting arbeiten und einen Text oder Produkt über längere Zeit entwickeln. In meinem Falle waren das Essays, die sie über mehrere Entwürfe entwickeln sollten, oder Projektarbeiten in meinem Geschichtsunterricht. In beiden Fällen besteht das Ziel darin, dass die Schüler:innen möglichst gute Texte erstellen und abgeben. Dafür sollen sie das Feedback nutzen, um die Qualität über mehrere Anläufe zu steigern.
Um die Verbindlichkeit dafür zu erhöhen, bin ich dazu übergegangen, bei Projektarbeiten zwei Abgabe-Zeitpunkte festzulegen. Bei der ersten Abgabe geben mir die Schüler:innen einen weit entwickelten Entwurf ihrer Arbeit ab. Nur diesen lese ich genau durch. Und hier gebe ich auch detailliertes Feedback in Form von Kommentaren in den Word-Dokumenten. Ich erläutere, wo ich Verbesserungspotential sehe, oder ich verweise auf die Qualitätskriterien und zeige auf, wo diese noch nicht erfüllt sind. Die Schüler:innen müssen dann selbst herausfinden, was sie an ihrer Arbeit noch verbessern wollen.
Die Schüler:innen werden nun angehalten, ihre Entwürfe zu überarbeiten. Vor der Überarbeitung machen die Schüler:innen nun zwei Dinge: Sie erstellen im Word-Dokument eine Kopie des Entwurfs und hängen diesen unten an. Zusätzlich aktivieren sie den Überprüfen-Modus. Damit wird jede Änderung im Dokument für mich sichtbar. Nun überarbeiten Sie den Entwurf entlang meinen Kommentaren.
Die zweite Abgabe findet dann eine Woche später statt. Jetzt überfliege ich die Arbeit nur noch und schaue, welche Änderungen vorgenommen wurden. Diese sehe ich dank dem Überprüfen-Modus sofort und verschwende nicht lange Zeit mit dem Vergleich der Texte. Trotzdem habe ich aber noch den ersten Entwurf des Textes und kann am Schluss der Arbeit den Fortschritt nachvollziehen.
Hier brauche ich meist nur einige Minuten pro Arbeit. Erst jetzt gebe ich eine Note. Diese wird auch nicht mehr kommentiert (obwohl mir dies sehr schwerfiel). Die Schüler:innen haben meine Einschätzung ja bereits erhalten und sind sich bewusst, wo sie wie viel Arbeit noch reingesteckt haben. Bis jetzt habe ich kaum Diskussionen über eine Note führen müssen.
25% Überfliegen und Klassenfeedback
Das zweite Viertel besteht nach Dylan Wiliam darin, die Arbeiten der Schüler:innen nur zu überfliegen und dann ein Klassenfeedback zu geben. Das Ziel besteht immer noch darin, so wenig Zeit wie möglich für Feedback aufzuwenden und trotzdem einen Überblick auf das Lernen der Schüler:innen zu haben. In diesem Viertel soll nun das Feedback an die ganze Klasse gerichtet werden. D.h. dass ich beim Durchlesen und Überfliegen diesmal den Fokus nicht auf individuelle Eigenheiten der Arbeit richte, sondern auf Bereiche der Arbeit, die mehrere Schüler:innen betreffen.
Der erste Instinkt wird darin bestehen, dass ich mich auf Defizite in den Arbeiten achte. Darin sind wir Lehrpersonen besonders geübt. Ich überfliege also die Arbeiten und notiere mir alle Unzulänglichkeiten, Fehler und Herausforderungen, die ich in mehreren Arbeiten erblicke. Umgekehrt kann ich mich aber auch auf besonders gelungene Aspekte der Arbeit fokussieren, die ich in den verschiedenen Arbeiten oder Entwürfe gesehen habe und sammle solche Erfolgsmomente aus den Arbeiten.
Diese Fundstücke lege ich nun als eine Checkliste an. Die einzelnen Punkte werden nach Themen oder Bereichen sortiert. Hier kann ich bei der Erstellung auch Bezug auf die Qualitätskriterien nehmen. Diese Checkliste wird nun zur Grundlage für die Überarbeitung der Entwürfe.
Um Unterrichtszeit zu sparen, sammle ich meine Eindrücke schriftlich in einem digitalen Dokument. Dies hat verschiedene Vorteile. Ich kann das Dokument zeit- und ortsungebunden den Schüler:innen per Link freigeben. Das heisst sie können jederzeit darauf zugreifen. Somit wird diese Checkliste aber auch ein Werkzeug für den nächsten Schritt.
25% Selbstevaluation
Beim dritten Viertel sollen die Schüler:innen angeleitet werden, ihre Arbeiten selbst zu untersuchen. Dies ist aber nicht einfach aus dem Stehgreif möglich. Schüler:innen brauchen viel Übung, Anleitung und Hilfestellungen, um ihre eigene Arbeit auf fehlende und vorhandene Qualitäten zu untersuchen und dann Schlüsse auf mögliche Anpassungen zu treffen. Es würde den Rahmen dieses Textes sprengen, auf all diese Faktoren einzugehen. Eine kurze Anleitung findet sich hier.
Deshalb führen wir lieber den Faden von vorhin weiter und nutzen die Checkliste, die aus dem Klassenfeedback entstanden ist. Die Schüler:innen erhalten das Klassenfeedback mit der Anweisung, es Schritt für Schritt durchzugehen. Wenn sie Punkte finden, die sie bereits umgesetzt haben, gut, dann müssen Sie nichts machen. Aber wenn es Aspekte gibt, die noch fehlen, oder unzureichend ausgearbeitet sind, müssen sie diese anpassen und überarbeiten.
Die Motivation liegt darin, dass sie mit jeder Überarbeitung die Qualität ihres Produktes verbessern und damit auch eine bessere Note erreichen können. Dies funktioniert aber besser, wenn ich beim Klassenfeedback noch keinerlei Punkte oder einen Notenzwischenstand kommuniziere.
25% Peer-Feedback
Das letzte Viertel besteht nun aus Rückmeldungen, die sich die Schüler:innen gegenseitig geben. Auch dies ist komplexen Faktoren unterworfen und bedarf viel Übung und Anleitung. Wiederum finden sich hier einige Anhaltspunkte, wie dabei vorgegangen werden kann.
Die Idee dabei ist, dass die Schüler:innen sich gegenseitig ihre Entwürfe zeigen und Rückmeldungen geben und erhalten. Grundsätzlich kann auch beim Peer-Feedback auf bereits erwähnte Grundlagen zurückgegriffen werden. Z.B. können die Schüler:innen die Checkliste des Klassenfeedbacks nutzen, um bei den Klassenkamerad:innen zu überprüfen, ob alle Anforderungen erreicht sind.
Die Lehrperson kann hier aber auch einen engeren Fokus setzen und z.B. nur eine Frage stellen, die alle bei der Durchsicht der Texte der anderen Schüler:innen beantworten sollen: Beziehen sich alle Argumente auf die These am Anfang? Do the paragraphs have topic sentences?
Peer-Feedback kann mündlich oder schriftlich erfolgen. Bei analogen Entwürfen kann mit Bleistift geschrieben werden. Bei digitalen Texten erhalten wir mehr Möglichkeiten. Wenn Sie, wie meine Schüler:innen, mit Word arbeiten, kann das Dokument freigegeben werden. So muss keine Kopie erstellt oder das Gerät ausgetauscht werden. Für das Hinterlassen der Rückmeldungen eignet sich die Kommentar-Funktion. Diese hat einen Timestamp und kann als erledigt abgehakt werden.
Literatur
Hendrick, C. & Macpherson, R. (2017). What Does This Look Like In The Classroom: Bridging The Gap Between Research And Practice. John Catt.
Wiliam, D. & Leahy, S. (2015). Embedding Formative Assessment. Learning Sciences International.
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© Lukas Pfeifer, 2025