Wie wir gesehen haben, nahm sich Hitler mit seinem Vorgehen gegen die jüdische Bevölkerung viel Zeit. Er konzentrierte sich zuerst auf Deutschland, nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges setzte er seinen Fokus aber auf ganz Europa. Die Zeit für eine systematische Vernichtung war gekommen. Auf dieser Seite setzen wir uns der Umsetzung dieses Vorhabens auseinander. Dabei interessieren uns folgende Fragen:
- Wie bereiteten die Nazis den Völkermord vor?
- Mit welchen Methoden sollte die jüdische Bevölkerung ermordet werden?
- Was bedeuteten diese Massnahmen für die Betroffenen?
- Vorbereitung des Massenmords
- PHASE 3 - Ghettos
- Deportationen
- Die Ghettos
- PHASE 4 - Vernichtung
- Wannsee-Konferenz 1942
- Vernichtungslager
Der Holocaust - also die systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung - lässt sich grob in vier Phasen aufteilen.
Bereits vor dem Krieg waren die Juden in Deutschland immer mehr entrechtet worden. Durch den Ausbruch und den Verlauf des Zweiten Weltkrieges verschlechterte sich die Lage fast aller europäischen Juden. Ein Ziel des Krieges war die «Endlösung der Judenfrage», also die systematischen Ermordung aller jüdischen Personen in Europa. Um dieses Vorhaben umzusetzen mussten gigantische logistische Anstrengungen unternommen werden. Zuerst mussten Tötungsmethoden erprobt werden, bevor dann mit der industriellen Vernichtung begonnen werden konnte. Die Vernichtungslager lagen alle ausserhalb Deutschlands. Die jüdische Bevölkerung musste also zuerst aus verschiedenen Teilen von Europa deportiert und in Ghettos zusammengetrieben werden, bevor sie dann in die Konzentrations- und Vernichtungslager gebracht und ermordet wurden.
Vorbereitung des Massenmords
Zu den ersten Opfern dieser Vernichtungsmethoden gehörten die körperlich, seelisch und geistig Behinderten in Deutschland. Gleich nach Kriegsbeginn prüften Ärztekommissionen sie auf ihre „Arbeitstauglichkeit". Wer nicht als arbeitsfähig galt, wurde in als „Heil- und Pflegeheime" getarnten Vernichtungsanstalten ermordet - mitten in Deutschland. Die Vergasung der schwächsten und hilflosesten Mitglieder der Gesellschaft, die sogenannte „Euthanasie", war eine im nationalsozialistischen Sinne konsequente Folge der sogenannten Rassenhygiene. Doch dagegen regte sich bei der deutschen Bevölkerung Widerstand, vor allem bei den Angehörigen der Ermordeten und bei den Kirchen. Die Vergasungsaktionen wurden deshalb offiziell eingestellt, doch starben weiterhin viele behinderte Menschen an von Ärzten verabreichten Giftspritzen. Insgesamt wurden während des Krieges etwa 200 000 behinderte Menschen getötet.
Mit dem Ausbruch des Krieges sollten diese und andere Tötungsmethoden nun auf die jüdische Bevölkerung in den besetzten Gebieten angewendet werden. Mit der Umsetzung dieser „möglichst restlosen Beseitigung des Judentums" wurde Reinhard Heydrich (Chef des Reichsicherheitshauptamts) beauftragt. Schon während der Eroberung Polens hatten SS-Einsatzgruppen hinter den Linien Massenerschiessungen begonnen. Für die Durchführung wurden nicht nur die SS (Elitetruppe der Nazis) eingesetzt, sondern auch Reservebataillone mit “ganz normalen Männern” aus allen Bevölkerungsschichten. Diese begannen nun überall im Kriegsgebiet entsetzliche Massacker an der jüdischen Bevölkerung anzurichten. Von den insgesamt 4,7 Millionen Juden, die im Sommer 1941 auf dem Territorium der Sowjetunion lebten, verloren bis zum Ende des Jahres 1942 2,2 Millionen, also fast die Hälfte, bei diesen Terror- und Vernichtungsmassnahmen ihr Leben. Aber dies war nur ein erster Schritt der Vernichtung.
PHASE 3 - Ghettos
Deportationen
Im Oktober 1941, einige Monate nach dem Angriff auf die Sowjetunion, leiteten die nationalsozialistischen Behörden den Prozess der Deportation der Juden aus Deutschland, Österreich und dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren in den Osten ein. Die ersten Deportationszüge fuhren aus Prag, Wien und Berlin zum Ghetto Lodz. Die Deportation der Juden aus Deutschland, die manche als einen Wendepunkt in der Entwicklung der „Endlösung“ in Europa überhaupt betrachten, wurde von den Nazi-Behörden ab dem Sommer 1941 nach und nach umgesetzt.
Die Ghettos
In den polnischen und sowjetischen Städten gab es seit vielen Jahrhunderten besondere jüdische Stadtviertel: die Ghettos. Allerdings lebten längst nicht mehr alle Juden in diesen. 1939 und 1940 wurden in Polen aber fast alle Juden gezwungen, in diese Ghettos umzuziehen.
1941 begann man, Juden aus Deutschland ebenfalls in die Ghettos Polens zu bringen. Diese wurden dadurch völlig übervölkert. Die Einwohnerzahl des Ghettos von Warschau stieg in kurzer Zeit von 160 000 auf über 400 000. Die Lebensmittelrationen waren minimal, die hygienischen Verhältnisse katastrophal. Im Warschauer Ghetto starben im Jahr 1941 zehn Prozent der Einwohner an Hunger, Typhus oder Kälte.
PHASE 4 - Vernichtung
Wannsee-Konferenz 1942
Bis zum Herbst 1941 kann man noch nicht von einem ”planmässigen” Vorgehen gegen die Juden sprechen. Die unterschiedlichsten Massnahmen liefen unkoordiniert nebeneinander her: Deportationen, Umsiedlungen, Arbeitslager, Gettoisierung und Massenerschiessungen. Zur besseren Organisation der Judenverfolgung beauftragte Hermann Göring Ende Juli 1941 Heydrich im Namen des “Führers” mit den „Vorbereitungen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflussbereich in Europa". Auf Einladung Heydrichs trafen sich dann im Januar 1942 im Berliner Vorort Wannsee die Staatssekretäre der betroffenen Stellen, um die weiteren Massnahmen zu beraten.
Die Besprechungen dieser „Wannsee-Konferenz " führten zu dem Beschluss, die Juden in ganz Europa zunächst als Arbeitskräfte optimal auszubeuten und sie anschliessend zu ermorden. Der Völkermord an den Juden war bereits vor der Wannsee-Konferenz in vollem Gange. Im Juni 1941 hatte Himmler dem Kommandanten des Konzentrationslagers Auschwitz befohlen, grosse, im „Euthanasie"-Programm erprobte Vergasungsanlagen zu besorgen, und im Herbst 1941 begann dort die physische Vernichtung der Juden Europas.
Die Wannsee-Konferenz schuf jedoch erst die organisatorischen Voraussetzungen für diesen unvorstellbaren Massenmord, indem sie die Bürokratie auf die bevorstehende „Endlösung" einschwor. Sie koordinierte die Massnahmen der zuständigen Ministerien und der obersten Reichsbehörden und stellte so deren reibungsloses Zusammenspiel sicher. Da man bei diesem verbrecherischen Vorhaben das Licht der Öffentlichkeit scheute, wurden alle Vorbereitungs- und Vernichtungsaktionen unter striktem Stillschweigen durchgeführt.
Vernichtungslager
Anfang 1942 beschloss die deutsche Führung, nun auch in den übrigen deutsch beherrschten Gebieten zur «Endlösung» überzugehen. Die Bewohner der Ghettos wurden nun schubweise in neu errichtete Konzentrationslager transportiert, ebenso die bis dahin noch nicht ergriffenen Juden in Deutschland, West- und Südosteuropa.
Ein Teil dieser Konzentrationslager, die sich überwiegend auf polnischem Boden befanden, diente ausschliesslich der Tötung der Juden. Andere waren gleichzeitig Vernichtungs- und Arbeitslager, unter ihnen das grösste, Auschwitz (westlich von Krakau). Hier wurden jene Ankömmlinge, die nicht als arbeitsfähig galten, sofort getötet, während die übrigen in Industriebetrieben arbeiten mussten. Die Ernährungs- und Gesundheitsverhältnisse waren jedoch so schlecht, dass die meisten nicht lange arbeitsfähig blieben; die Lagerleitungen rechneten mit einem Durchschnittsaufenthalt von neun Monaten.
Die Tötungen erfolgten in Gaskammern, zuerst durch Kohlenmonoxyd aus Verbrennungsmotoren, später durch verdampfende Blausäure. Die Gesamtzahl der getöteten Juden betrug zwischen 5 und 6 Millionen. Daneben gab es jedoch zahlreiche weitere Opfer. Auch gegen die Sinti und Roma wurde ein Ausrottungsfeldzug geführt (etwa 500 000 Tote). Hinzu kamen viele Bewohner der besetzten Staaten, die verdächtigt wurden, Widerstand zu leisten, sowie sowjetische Kriegsgefangene. Mit manchen Häftlingen wurden grausame «medizinische» Experimente durch geführt, die zwar der Wissenschaft kaum dienten, meist aber zum Tod der Betroffenen führten.
Die «Endlösung der Judenfrage» wurde nach Möglichkeit geheim gehalten, weil man wusste, dass die meisten Deutschen damit nicht einverstanden gewesen wären. Gerüchte waren dennoch nicht zu verhindern. Kurz vor dem Nahen der Sowjetarmee wurden die östlichen Konzentrationslager zerstört.
Durch Geschichte zur Gegenwart, Band 3
Schweizer Geschichtsbuch, Band 3
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